Es gibt Geschichten im Brieftaubensport, die selbst erfahrene Züchter immer wieder Staunen lassen und einen oft sprachlos zurücklassen.

Eine solche Geschichte trug sich am Wochenende des 18. Juli zwischen dem polnischen Dorf Samokleski im Karpatenvorland und dem baden-württembergischen Heidelberg zu. Es ist die Geschichte eines fahlen Vogels, der bewies, dass der Heimkehrwille unserer Brieftauben selbst nach Jahren der Festsetzung in einer Voliere überdauert und ungebrochen ist.

 

Ein Missgeschick mit Folgen

Alles begann am 18.Juli, einem Samstagmorgen, im weit entfernten Polen. Da der Züchter Radoslaww Mroczka verhindert war, übernahm seine Ehefrau vertretungsweise die Fütterung der Tauben. Eigentlich Routine für sie, doch an diesem Morgen passierte ein folgenschweres Missgeschick: Kaum war die Tür der Voliere einen Spalt geöffnet, schoss eine Taube in enormem Tempo über ihren Kopf hinweg ins Freie. Ausgerechnet ein wertvoller Zuchtvogel, den das Paar vor drei Jahren von einem befreundeten Züchter aus Deutschland erhalten hatte. In der Hoffnung, der Vogel würde sich in Schlagnähe aufhalten und vielleicht später mit den Freifliegern einspringen, entschied sich die Ehefrau vorerst dazu, ihrem Gatten nichts von dem Ausreißer zu erzählen.

 

Unerwarteter Gast in Heidelberg

Knapp 48 Stunden später und gut 925 Kilometer Luftlinie weiter westlich: Am frühen Morgen des 20. Juli bemerkten die Heidelberger Züchter Ariel Thiemel und sein Schlagpartner Ullrich eine fahle Taube, die hartnäckig versuchte, in ein ganz bestimmtes Schlagabteil zu gelangen. Da den beiden Züchtern keine fahle Taube fehlte, ging man davon aus das es sich um eine fremde Taube handeln müsse. Da die Taube weiterhin versuchte in den Schlag zu kommen, ließ man sie hinein. Die Taube flog zielstrebig eine Zelle an und benahm sich so, als sei sie schon immer dort gewesen.

 

Nachdem man die Taube gefangen hatte, brachte der Blick auf die Ringnummer die Gewissheit, es handelte sich um eine von ihnen. Es war eine Taube, die man einem befreundeten Züchter im Herbst vor drei Jahren überlassen hatte.

 

Ein Geständnis und ein Happy End

Unmittelbar nachdem man sich vergewissert hatte, um welches Tier es sich handelte griff Sportfreund Thiemel zum Telefon, um den polnischen Sportfreund zu fragen, ob er den eine Taube vermisse. Als Radoslaw Mroczka dies zunächst verneinte, man ihm aber die Ringnummer durchgab, war das Erstaunen groß. Im Hintergrund verfolgte seine Ehefrau das Gespräch und gestand nun sichtlich erleichtert das Missgeschick vom Samstagmorgen.

 

Da der fahle Vogel aus einer sehr erfolgreichen Linie der Prange-Tauben aus Meppen stammt und Sportfreund Mroczka bereits hervorragende Nachzucht aus ihm gezogen hat, stand schnell fest, der Vogel musste wieder zurück nach Polen. Man einigte sich darauf, den Ausnahmeflieger bei einer der nächsten Ausstellungen wieder in die Hände seines Besitzers zu übergeben.

 

Ungelöstes Rätsel

Wie schafft es eine Brieftaube, die drei Jahre lang ausschließlich in einer Voliere verbracht hat, eine Strecke von fast 1.000 Kilometer in einer geschätzten Flugzeit von nur rund 20 Stunden zu bewältigen? Und das bei extremer Sommerhitze mit Temperaturen von bis zu 35 Grad? Über das „Wie“ und den enormen Heimkehrwillen dieses Vogels kann sich nun jeder Leser und Züchter seine eigenen Gedanken machen. Dass es sich hierbei um eine absolute Meisterleistung handelt, steht völlig außer Frage. Zurück bleibt die Faszination für unsere Brieftauben und eine außergewöhnliche Leistung.

 

Emil Mohr

Öffentlichkeitsbeauftragter der RV Mannheim Stadt u. Land

 

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